Bahncard 100 – Tag 12 (Teil 1/2)

Ich höhre Hundegebell.

Die Sonne blendet mich trotz Schlafbrille. Heute werde ich wieder auf Achse sein. Nach Stuttgart. Schon jetzt zur frühen Stunde ist es warm.

Eine Milch, zwei Toast. Das reicht zum Frühstück. Lieber noch etwas mehr trinken und die Flasche für die Fahrt füllen und dann geht es los. Der Zug S4 nach Wurzen kommt pünktlich in Lauchhammer an. Aber abfahren will er nicht – noch lange nicht.

Drei Kinder drängeln sich zum Zugführer und löchern ihn. Der gibt ein paar Geschichten zum besten. Er erzählt spannend mit leipziger Dialekt. Er wohnt dort, erklärt er mir später. Bei einer Geschichte höhre ich genauer hin:

Er erzählt den Kids von einer alten Oma auf dem Fahrrad. Vor 17 Jahren, also 2002, fuhr er auf einer Strecke durch den Wald. Etwa 70 km/h hatte er drauf, als er in einer Kurve an einen unbeschrankten Bahnübergang kam. Das Problem war nur die alte Frau mit dem Fahrrad, welche sich auf dem Bahnübergang befand. Der Zug näherte sich und der Zugführer haute die Bremse rein – Vollbremsung.

So ein Zug aber braucht eine Zeit, um stehen zu bleiben. Also sollte sich die alte Oma beeilen. Tut sie aber nicht, sie kann nicht.

Wenn ein Unfall mit Personenschaden passiert, so erklärt der Zugführer, dann dauert es eine Weile bis die Polizei kommt, die Staatsanwaltschaft kommt und die Spurensicherung kommt. Etwa drei Wochen dauerte die psychologische Begleitung bis er wieder Zug fahren konnte. Acht Jahre danach hatte er noch Alpträume.

Heute, so sagt er, ist er darüber hinweg. Die Art, wie er spricht scheint ihm Recht zu geben. Er ist witzig und scheint sehr lebensfroh. Das Erzählen macht ihm sichtlich Spass.

10:27 Uhr meldet er sich mit den „Verkehrsnachrichten“. Wir können auf der Strecke von Lauchhammer nach Elsterwerda-Biela nur ein Gleis befahren. Zudem wird er auf Sicht fahren. Aus Erfahrung weiß ich, dass heißt maximal 40 km/h, kaum schneller als mit einem Fahrrad.

10:33Uhr geht’s los aber auf der Anzeige steht noch 10:21. Ich mache ein paar Bilder vom Zug und der Anzeigetafel.

Anzeigetafel der S4 von Hoyerswerda nach Wurzen
Die S4 von Hoyerswerda nach Wurzen zeigt da wohl die falschen Zeiten an.

Auf der Strecke sind ein paar Bauarbeiter, die an den Gleisen arbeiten. Daher fahren wir auf dem linken Gleis. Ich nehme es gelassen, so eine BC100 beruhigt. Das Hotel ist gebucht. Ich arbeite am Spiel (.. naja jetzt gerade schreibe ich grins). Draußen scheint die Sonne. Hier drinnen ist es klimatisiert. Alles in allem ein schöner Tag.

Der Zugführer ist echt gut drauf. Wir sind gerade ein Torgau eingefahren und jetzt erklärt er uns: „Die Toilette ist kaputt und überfüllt, deshalbe machen wir hier kurz eine Pipipause.“ Der halbe Zug lacht bei dieser Ansage. Trotz Verspätung ist die Stimmung gut. Insgesamt sieben Minuten dauert die Pipipause, dann sind wieder alle im Zug und es geht Weiter.

Es ist genau 11:55 Uhr.

Krasse Scheiße, heute ist ja echt was los hier. Ich arbeite gerade am Development Plan für Lightword Productions (new tab) in Stuttgart. Plötzlich gibt’s ne Notbremsung vom einfahrenden Zug gegenüber. Wir waren gerade in Eilenburg. Zwei Personen sind am Bahnhof totz geschlossener Schranken über die Gleise gelaufen!! Weil sie den Zug, indem ich sitze, erreichen wollten. Der Zugführer ist verdammt sauer und nimmt die beiden nicht mit. Da gibt es noch etwas zu klären … aber nicht IM Zug. Leute passt auf euer Leben auf, ihr habt nur das eine!

Nach dem letzten Vorfall geht’s zumindest bis Leipzig gut voran. Schon wieder sitze ich in der DB Lounge und genieße einen Latte Machiato (leider nur aus dem Vollautomaten) und ne Apfelsaftschorle. Es sind ca. siebzehn Leute hier und ich entscheide mich dazu einen Zug später zu nehmen. Habe ich schon erwähnt, dass eine BC100 beruhigt? … natürlich habe ich das.

Ich sitze gerade am Abend und hacke diese Zeilen und merke, dass noch mehr kommt. Ich mag keine arg langen Posts, daher gibt es einen zweiten Teil um heutigen Tag.

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